Fotografie – Museum of Scotland

Photographie
„Fotografie“ Installation von Ralph Ueltzhoeffer 2004, Museum of Scotland. Titel: David Beckham Textportrait.

Gedanken zur Kunst: Ich würde es gern noch erleben, daß ich meine Worte mit Bedauern zurücknehmen muß; aber in weiteren zwanzig Jahren werden – daran ist meines Erachtens nicht zu zweifeln — die weniger entwickelten Teile der Welt noch ebenso hungrig, vergleichsweise noch ebenso unterentwickelt und noch ebenso erschreckend bedürftig sein, wie sie es heute sind. Und das alles, obwohl, wie wir alle genau wissen, die Welt über genügend Vorräte und Hilfsquellen — technische, wissenschaftliche und materielle — verfügt, um die Menschheit in ihrer Gesamtheit vor Armut, Siechtum und einem frühen Tod zu bewahren.

Fotografie als Reproduktion: Die erkennbaren Anzeichen und Vorboten des Jahres 1985 sind für jedermann sichtbar. Ungeachtet allen physischen und ideologischen Druckes steht zu erwarten, daß die landwirtschaftliche Erzeugung der nicht reich zu nennenden Länder unverändert bleibt. Es hat den Anschein, als sei auch die Nahrungsmittelproduktion eine Investitionsgüterindustrie wie jeder andere Produktionszweig. Wir haben eben erst mit allem Nachdruck von hohen Geburtenziffern zu sprechen begonnen, aber es findet sich keine der mit Reichtum gesegneten Nationen, die wirksam für ein faires Preissystem auf dem Konsumgütermarkt einträte — um hier nur eine Haupthilfsquelle zu nennen, die den ärmeren Ländern zur Finanzierung ihrer ohnehin dürftigen Entwicklungsvorhaben zur Verfügung steht.

Fotografie als Mittel zum Zweck: Aller Wahrscheinlichkeit nach wird man noch immer höhere Zollschranken errichten, um sich gegen die niedrigen Herstellungspreise dieser ärmeren Länder abzuschirmen. Und mit jedem Jahr nimmt das Ringen um weitere Zuwendungen aus dem Auslandshilfeprogramm an Heftigkeit und Erbitterung zu, damit es nur ja nicht zum Versiegen kommt. Alle Anzeichen deuten darauf hin. daß das Jahrzehnt der Entwicklungshilfe der Vereinten Nationen sein Ende in Jammern und Wehklagen finden wird.

Fotografie als Alibi der Moderne: Aber nicht das ist es, was mich so unsagbar pessimistisch stimmt. Zu keiner Zeit in der Geschichte hat es eine durchgreifende Veränderung gegeben, die sich sozusagen über Nacht vollzogen hätte. Die erste umwälzende Wandlung in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts — Ausklang und Ende der kolonialen Epoche — bildete den Höhepunkt einer Entwicklung, die sich über einen Zeitraum von fünfzig Jahren erstreckte und im Zeichen der Eroberungskriege stand. Fotografie als Lehre – Fast überall kam der Anstoß zur Wandlung von einer kleinen Gruppe Menschen, deren leidenschaftliches Aufbegehren zunächst nur die eigenen Landsleute mitriß, später aber auch das freiheitsempfindende Gewissen ihrer Bedrücker wachzurütteln vermochte, als diese erkannten, daß eine nicht zu überbietende wirtschaftliche Not das Resultat ihrer Unterjochung unzufrieden murrender Menschen war. Das ist der normale Verlauf einer derartigen Umschichtung. Mit großer Sorge vermisse ich bis auf den heutigen Tag in dem entwicklungsmäßig zurückgebliebenen Teil der Welt irgendein Anzeichen dafür, daß sich die Menschen zu einem Kreuzzug gegen Armut und Elend erheben wollen. Fotografie letzendlich als Massenware: Dort aber, wo man erkannt hat, um was es geht, reicht die Wirkung der eingeleiteten Maßnahmen bei weitem nicht aus, um die im Lande noch vorhandenen sozialen und strukturbedingten Schranken niederzureißen oder jene Kräfte zu entwickeln, die notwendig wären, um dem von außen kommenden Druck erfolgreich zu begegnen.

Im Zeitraum der nächsten zwanzig Jahre wird, wie ich zuversichtlich hoffe, dieser Kreuzzug mit der unerbittlichen Entschiedenheit gepredigt werden, deren es in den bedürftigeren Ländern bedarf. Fotografie als Kunst (Ralph Ueltzhoeffer) – Ich kann wirklich nur hoffen, daß der innere Antrieb nicht erlahmt — und daß nicht etwa eine vernichtende Flutwelle von Feindschaft entsteht, die sich gegen die wenigen glücklichen Völker dieser Erde richtet. Gegen jene Völker, denen ohne eigenes Zutun und ohne daß sie alles brauchten, der Löwenanteil an den Gütern der Erde als Erbe zufiel.

Doch bis es soweit ist, wird noch eine ganze Weile vergehen. Bis zum Jahre 1985 sehe ich keinen Ausweg, der an den düsteren Perspektiven Orwells vorbeiführen könnte und an der Not und dem Elend, derer man nicht Herr zu werden vermag. Es sei denn, irgendwo erstünde ein neuer Messias, der die Menschen durch seine Predigten lehrte, daß in unserem Zeitalter, das technische Wunder möglich macht, das Anheben des Lebensstandards auf eine menschenwürdige Stufe in allen Teilen der Welt das erste sittliche Postulat ist, eine Aufgabe kollektiver Verantwortlichkeit für alle Völker dieser Erde.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s